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Spökenkieker: Lesung in Westerland am 19. 2. 2015, 20:00 Uhr

Spökenkieker-Meermänner-Donauweibchen

Spökenkieker — Über Wassergeister, Ekke Nekkepenn und Donauweibchen

Dagmar Travner (Wien) und Jens-Uwe Ries (Sylt) lesen schaurig-schöne Donau- und Nordsee-Sagen über Flussnixen, Meermänner, Seeteufel und andere geistreiche Geschöpfe des Wassers und der Finsternis.

Hier trifft das Wiener Donauweibchen auf Stademwüfke, das Dünenweibchen, und das Sylter Dikjendeel-Gespenst auf nächtlichen Spuk in Nußdorf bei Wien.

Verflixte Nixen, Ekke Nekkepenn, die Geister Ermordeter, eine Teufelsmauer und unterirdische Wesen treten auf. Erzählt wird Überliefertes und Eigenes, wobei gezeigt wird, wie vergangene Legenden auch in unserem modernen Alltag eine Rolle spielen können.

Geschichten von Gewässern und Meeren, Land und See — Gegenüberstellungen nordfriesischer Sagen mit Überlieferungen aus dem Donau-Raum. Manche Motive gleichen sich aufs Haar, denn etliche seltsame Wesen kennt man da und dort. Wassernixen, die verführen und verführt werden, Gestalten, die Unheil bringen oder die zur Rettung so mancher Wandersleut’ und Seefahrer herbei eilen. Da treibt mal des Teufels Großmutter ihr Unwesen, dann wieder ist es der Teufel selbst, der eifersüchtig auf Gott ist und ihm zum Ärger eine Mauer quer durch die Donau bauen will.

Ankündigung

Spökenkieker — Über Wassergeister, Ekke Nekkepenn und Donauweibchen

Lesung von Dagmar Travner und Jens-Uwe Ries

Am Donnerstag, den 19. 2. 2015 um 20:00 Uhr

Im Podium auf SYLT, Rathaus Westerland, Eingang Stephanstraße

Unkostenbeitrag € 7,-

Event auf Facebook

https://www.facebook.com/events/756552414434161/

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Die österreichische Autorin Dagmar Travner erzählt Geschichten von der Donau und im Besonderen aus der Wachau, dem romantischsten, geschichtsträchtigen Abschnitt des Donautals, das geprägt ist von Fundstücken und Legenden aus historischer und prähistorischer Zeit.

„Bei Spitz in der Wachau erhebt sich die legendäre Teufelsmauer… Diese Geschichte hatte Franz Atzberg als Kind besonders geliebt, hatte sie sich wieder und wieder von der Großmutter erzählen lassen. Wie war das doch gleich? Den Teufel nervte diese ganze Wallfahrerei in der Wachau… und all die Donauschiffer… Und was hatte eigentlich der Wetterhahn von St. Johann damit zu tun?

Franz Atzberg stand auf einer Anhöhe in Aggsbach und blickte grimmig über das Donautal. Da! Nun sprengten sie tatsächlich die Teufelsmauer. Komplett zerbröckelt der Felsen. Na fabelhaft! Bald würden auch die letzten Reste verschwunden sein. Das konnte nicht gut gehen. Etwas würde geschehen, das spürte Atzberg ganz deutlich. Seine linke Augenbraue zitterte. Ein untrügliches Zeichen für Unheil.“

—  Aus „Atzbergs Ende“, einer Legende aus heutiger Zeit von Dagmar Travner

Im Dikjendeel — sylterfriesisch für „Deich-Ende-Tal“, dem „Dünental“ südlich von Westerland — spielt die moderne Sage des Sylter Dichters Jens-Uwe Ries. Er möchte uns damit zeigen, wie nah uns Motive von alten Mythen plötzlich kommen können. Seine Erzählung „Unheimliche Begegnung im Dikjendeel“ handelt von einer fröhlichen Gesellschaft, die auf dem Weg zu einer Strandparty ist, wo sich dann die unheimlichsten Dinge ereignen:

„Eine muntere Gesellschaft war Richtung Meer im Dämmerlicht unterwegs. Plötzlich geisterte das Wort Dikjendeelmann durch die Gruppe, huschte von Mund zu Mund. Geschichten längst vergangener Tage lebten auf. Partystimmung. Sommer auf Sylt. Gleich würden sie am Meer sein. Lachende fröhliche Menschen. Lebensfroh, ganz im Hier und Jetzt. Möglich, dass sie grillen wollten, irgendwo am Strand; dazu Getränkekisten, später wollten sie sogar ein Fass aufmachen. Doch was war das? Der Lauteste, der Hauptspaßmacher, war plötzlich verstummt. Was veranlasste ihn…? Gab es heute vielleicht das legendäre Meeresleuchten zu sehen?“

— Aus „Unheimliche Begegnung im Dikjendeel“ von Jens-Uwe Ries

Hintergrund

Im Sommer 2011 kam Dagmar Travner auf Einladung des Künstlers Peter Klint erstmals nach Sylt, um anlässlich einer Ausstellungseröffnung zu lesen („Tödliche Inszenierungen“) und einen Film („Gelocht“) zu zeigen. 2012 bestritt sie eben dort die traditionelle Neujahrslesung des Ateliers zum Thema „Entfremdungen“ bei der Ausstellungseröffnung von ‚Estrangements’ mit Zeichungen von Harro Falkenreck (Sylt) + Bryony Purvis (Kapstadt). Es folgten ein Auftritt beim Poetry Slam im Muasem Hüs und von da an regelmäßige Lesungen im Podium gemeinsam mit Jens-Uwe Ries mit den Schwerpunkten Arthur Schnitzler (Liebeleien, Träume, Phantasien) und Theodor Storm (Unheimliches und Schauriges).

Biographien

Dagmar Travner, Autorin, lebt in Wien und Klagenfurt (Österreich); arbeitet als freie Autorin, Kulturjournalistin und Übersetzerin im Bereich Literatur, bildende Kunst und Philosophie. Ein Großteil ihrer literarischen Texte hat absurde Obsessionen, Skurrilitäten, Mord und Drama zum Thema.

Website: http://www.travner.at
Blog: http://travner.com

Jens-Uwe Ries, Schriftsteller und Dichter, lebt und arbeitet auf Sylt, angestellt beim Tourismus Service; er ist Gründer des Kjausi-Hörbuch-Verlags, gestaltet seit Jahren Lesungen im „Podium“ in Westerland und ist Mitveranstalter der Poetry Slams im Muasem Hüs in Morsum.

Website: http://www.kjausihoerbuchverlag.de/
Blog: https://lewecosmos.wordpress.com

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 07/02/2015 in Lesung

 

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SpielARTen der Liebe – Zu Schnitzlers Traumnovelle

Lesung eigener literarischer Texte von Dagmar Travner (Wien) und Jens-Uwe Ries (Sylt)

– eine Spurensuche und assoziative Aufarbeitung der im Herbst 2013 vorausgegangenen Schnitzler-Lesung und Publikumsdiskussion im Podium.

Veranstaltung:

Zeit: Donnerstag, 19. Juni 2014, 20 Uhr
Ort: Podium über dem Alten Kursaal, Rathausplatz/Eingang Stephanstraße, Westerland/Sylt
Unkostenbeitrag: € 5,-

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Verfasst von - 17/06/2014 in Lesung

 

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„Aus deiner Sicht“ – Ein Text in Arbeit

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Ich möchte einmal
manches von dem
das wir gemeinsam erlebten
Radikal
aus deiner Sicht wahrnehmen
Doch wäre das überhaupt zu ertragen?

Vielleicht reicht es aber schon,
wenn wir uns eingestehen,
dass wir mehr verstehen,
als wir manches Mal
wahrhaben wollen,
dass wir die Empathie nicht selten
vielleicht sogar zurückdrängen,
weil sie unserem Interesse
im Wege zu stehen scheint.

Dabei sind doch Ich und Du
aus dem selben Stoff gemacht.
Alles atmet denselben Atem.
Wir sind wechselweise –
in manchen Situationen
vielleicht sogar gleichzeitig –
Gebende und Empfangende.
Und weiter gefasst:
die Situation welcher du dich
jetzt befindest,
in der befand auch ich mich einmal
oder könnte ich mich doch
ebenso gut befinden.

So ist denn das Verstehen
das wahre Glück?
Von der Selbsterkenntnis
zur Welterkenntnis?
Alles ist eins.

 

* * * * *

 

Anmerkung:
Aus der Reihe „Ausgegraben und neu bearbeitet“. Es war sehr kurz. Nun ist es das nicht mehr. Zu lang. Noch nicht genügend auf den Punkt gebracht? Ich arbeite weiter dran. Einer der Texte für ein gemeinsames Leseprojekt mit Dag Travner, und für sie ohnehin – sollte es heißen … 

 

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H.C. Andersen: Es ist wahrhaftig wahr – Der Film zur Lesung

Jens-Uwe Ries liest Hans Christian Andersen im Podium (über dem alten Kursaal im Rathaus von Westerland/Sylt) am 22. August 2013.

„Es ist unschicklich, so etwas zu erzählen, aber: Es ist wahrhaftig wahr!“

Das Kunstmärchen „Es ist ganz gewiss!“ (wie der Titel in älteren Übersetzungen lautet) von H. C. Andersen ist genau genommen eine Fabel, die in heutiger Zeit – durch die neuen Medien –  aktuell an Bedeutung gewinnt und eine klare Botschaft beinhaltet. Sie führt uns auf eindringliche – aber auch äußerst witzige Art – die Macht der Fama vor Augen, die schon bei den alten Römern zu Recht gefürchtet war. Durch schneeballartige Verbreitung entsteht eine brodelnde Gerüchteküche, die den sprichwörtlichen Elefanten aus der kleinen Mücke macht – in diesem Fall aus einer einzigen kleinen Feder eine ganze Schar nackter Hühner. So unanständig, dass es sogar höchst unschicklich ist, diese Geschichte überhaupt weiter zu erzählen – was selbstredend von den hochanständigen Hühnern, Eulen und Tauben hinter vorgehaltener Hand – Pardon: Flügel! – doch wiederholt getan wird: Bis die Story schließlich in ihrer Dramatik Bildzeitungsniveau erreicht!

Jens-Uwe Ries liest diese faszinierende Geschichte Andersens auf kongeniale Weise: Lustig, spritzig und äußerst dramatisch! Ich selbst habe während der Arbeit an dem Film viel lachen müssen – immer wieder hingerissen von der umwerfenden Komik, aber auch der tiefer liegenden Wahrheit, die in dieser Lesung so glaubwürdig transportiert wird.

(Dagmar Travner)

„Es ist wahrhaftig wahr“
Ein Märchen von H. C. Andersen
Gelesen von Jens-Uwe Ries
Aufgenommen im Podium Westerland/Sylt
Kamera, Schnitt: Dagmar Travner
Ein Film von Dagmar Travner
Sylt, 2013

 
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Verfasst von - 14/09/2013 in Video

 

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Es ist wieder einmal Herbst

Nee, isses nich, es ist der 1. September mit einem Hauch von Herbststimmung. Deshalb.

Es ist wieder einmal Herbst. Lewe-Cosmos sitzt auf einer Bank vor der Alten Dorfkirche in Westerland. Er liest in einem seltsam ausführlichen Buch über den Esoteriker Thorwald Dethlefsen. Und während er liest, fallen um ihn herum einzelne Laubblätter von den Bäumen. Je und je lässt eine leichte Brise die Blätter seines Buches und die Blätter auf dem Gehweg rascheln. Die Pforte im Wall, welche zum Friedhof führt, klappert oder quietscht ab und zu, doch Lewe-Cosmos schaut selten in diese Richtung. Wenn er aufschaut, dann in den blauen Himmel, dem wenige, fantastisch geformte, Wolken eine außergewöhnliche Weite, Tiefe und Vielschichtigkeit geben. Grad lärmt ein Auto auf dem Kopfsteinpflaster, dann ist wieder Stille. Nun fegt eine Böe gleich mehrere hundert Blätter gleichzeitig von den Bäumen. Ein paar Nachzügler treffen mit klatschenden Geräuschen auf den Steinen des Gehweges auf.

Jetzt.

Wann hatte er sich das letzte Mal die Zeit genommen, das Jetzt so intensiv zu spüren? Und dabei glaubte er doch während der Lektüre, einer Sache auf die Spur gekommen zu sein, nämlich der Frage, was bestimmte Menschen bei einem Guru suchen, wie sie ihn mit ihren Sehnsüchten erst groß machen und dann vielleicht einmal erschrecken, vor dem, den sie da mithalfen, dem möglicherweise Eigentlichen des Menschen sich so sehr zu entfremden.

Diesen Gedanken aber wollte er nun nicht weiter verfolgen, sondern das Jetzt befragen über sein eigenes Vergangenes, sein eigenes Bewusstsein, sein Leben. „Wir könnten frei sein!“, weiß er wieder einmal, „allein mit einem wahrhaft wachen Blick!“

Und natürlich merkt er später auch, dass es so wiederum eben nur für bestimmte Momente stimmt.

 

Das Ich

(oder: Ist das Private wirklich politisch?)

Morrissey, dem ohnehin beachtliche Selbstverliebtheit nachgesagt wird, singt etwa: „Niemand kann wissen, wie ich fühle, denn der einzige, der hier ich ist, das bin ich“. Lewe-Cosmos konnte das nachempfinden, überwältigte ihn in der Zeit seiner schweren Lebenskrise doch manches Mal dieses Bewusstsein der Isolation seines Ichs nahezu. „Nur ich allein bin Ich. Und wenn ich erlösche, erlischt mit mir die ganze Welt.“ Das Ich war ihm da beinahe eine Last. Doch bald schon ging es bei ihm einen anderen Weg, sah er vor allem Koketterie in dieser Zeile, denn: Alles geschieht einem Ich! Folter geschieht einem Ich. Willkürliche Verhaftung geschieht einem Ich. „Wenn doch jeder Mensch Ich ist, dann geschieht ja auch einem anderen Ich zum Beispiel Folter?!!“ Gerade das, was Menschen Übles geschieht, quälte ihn manche Stunde in mancher Nacht. Eine düstere Phase? Das Leben verdrängt vieles. Außerdem nützt solch ein bloßes Mitfühlen vermutlich niemandem, sagte er sich später oft. Aber: „Niemand kann wissen, wie ich fühle?!“ Wir wissen oft sehr genau, was jemand empfindet, wenn wir Augen und Sinne öffnen, glaubte er später. Aber selten wollen wir uns dem stellen.

Die schwedische hoola bandoola band, deren Texte ihm häufig aus der Seele sprachen, sangen gegen das Bemühen, individuell zu sein an, als zähle allein die Klassenzugehörigkeit. Das lehnte Petersen ab. Und ganz furchtbar empörte sich darüber sein inzwischen sich anarchistisch nennender Freund Didrik.

Andererseits lernte Lewe-Cosmos auch einige Menschen kennen, deren Denken und Fühlen jahrelang allein um das eigene Ich kreiste. Im Bestreben, endlich zu sich selbst zu kommen, verspürten sie allerdings oft doch nur Leere. Da hatten der Ich-Kult und die Ich-Sucht das Ich offenbar aufgefressen.

Es stürzte ein Trupp Polizisten einer Demonstrantengruppe in Südkorea hinterher. Der Gegner. Die Anderen. Auch für Lewe-Cosmos Petersen, welcher sich diese Szene im TV besah. Plötzlich aber stand einer der Polizisten in Flammen. Ein Erschrecken ging durch dessen Körper. Und plötzlich war er Ich, nicht mehr Gruppenmensch.

Und dann war da noch Barschel. Barschel?!, was hat denn der hier zu suchen?! Ja, selbst Barschel wurde plötzlich zum Ich als da die Kamera erbarmungslos auf ihn gerichtet blieb und der sich erst diesem, dann jenem Parteimitglied zuwandte, aber alle sich von ihm fortdrehten, um nicht in jenen Sog zu geraten. Welche Verlorenheit in dem Blick des Uwe Barschel!

Und nun kommen wir Ihnen, verehrte Leserschaft, noch mit einer Heuschrecke, denn eine Heuschrecke macht noch keine Plage.

Da beobachtete Lewe-Cosmos Petersen in seiner Verkaufsbude am Sylter Strand eine ganze Weile lang, wie eine Heuschrecke sich mühte, die Fensterscheibe emporzuklettern. Nachsaison. Stürmischer Wind. Wenig zu tun. Und da beschäftigte er sich intensiv und mitfühlend mit den Bemühungen dieses Insektes. Mühselig wirkt dieses Bemühen und geht sehr langsam vor sich. Mal wirkt die Heuschrecke mit ihren langen Fühlern wie ein urtümliches Wesen, dann wieder wie ein Mensch, der eine Steilwand bezwingen will und vorsichtig nach Mauervorsprüngen tastet, um sicheren Halt zu finden. Nun ist das Insekt am Fensterrahmen angelangt, streckt „die Arme“ vor, schreckt offensichtlich zurück und zieht sich ängstlich in einer Ecke zusammen. „Was will die überhaupt hier?!“, wundert sich Lewe-Cosmos, geht nach draußen, fasst die Heuschrecke vorsichtig mit einem Blatt Papier und setzt sie ins Gras.

Wie kann Petersen überhaupt so viele Gedanken an ein Insekt verschwenden?! „Alles Leben ist eins“, empfand Lewe-Cosmos in jenem Moment sehr deutlich. Auch konnte er beim Beobachten nicht leugnen, dass da ein Bewusstsein die Bewegungen dieses Insektes steuerte. Dessen ängstlich forschende Bewegungen sagten ihm: „So groß ist der Unterschied zwischen denen und uns auch wieder nicht!“

Li-Chin hatte Petersen einmal einen lyrischen Text nennen wollen, in dem es um scheinbar so weit auseinander liegende Dinge wie der Sehnsucht nach vertrauter Zärtlichkeit und dem Terror der chinesischen Machthaber gegen die Opposition ging. Die wachen Lippen und die wachen Hände. Zu wach für das Alleinsein. Und dann zwei Menschen, die sich plötzlich verwundert umschauen, ob sie einander wirklich so nahe sind, wie sie noch vor einer Stunde glaubten. Und ohne Pause fügte Lewe-Cosmos Petersen hier eine Betrachtung über die Genickschüsse in China, den kontrollierten „sozialistischen“ Übergang zum Kapitalismus ein. „Wenn wir unser eigenes Leben so wichtig nehmen, wie können wir dann gegenüber dem massenhaften Morden gleichgültig bleiben!“ Pathetischer Schluss (wobei er solchem Pathos selbst damals schon misstraute): „Brennen, wir müssen brennen!“ Aber es blieb ihm diese Sehsucht, welche in einem anderen Lied der schwedischen hoola bandoola band zum Ausdruck kam: „… og vi som törsta efter kärlek når andra hungra efta bröd …“ „Und wir, die wir nach Liebe dursten, während andere nach Brot hungern, wir müssen uns selber frei kämpfen, um ihnen zu helfen.“ „Hur länge skal vi vänta innan vi får framtiden til var?“ Wie lange sollen wir warten, bis die Zukunft wahr wird? Und dann war die Zukunft schon Vergangenheit geworden und vieles hatte man vergessen und das meiste mochte man schon ohnehin nicht mehr glauben. Aber da war doch ein Rest geblieben. Eine radikale Frage, ein tiefer Zweifel an dem Ansichseienden, das sich so penetrant wie das einzig Mögliche gebärdet.

 

Und im Irak, in Afghanistan, wo auch immer, zeigt sich, dass Militär wie so genannter „Widerstand“ gleichermaßen das Leben eines Menschen für nichts erachten.

 
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Verfasst von - 01/09/2013 in Diverses

 

Der Sommer der Kindheit

Noch eine Notiz, weil mir gerade danach ist (und ich manches jetzt endlich in die „finale“ Fassung bringen will):

Der Sommer der Kindheit

 

Die Wiese vor dem katholischen Kinderheim

Sie war ihm ein kleines Paradies, diese hügelige Wiese, mit ihrem hohen Gras und den unendlich vielen Klee- und Löwenzahnblüten.

Als Erwachsener grübelte er manchmal, wo er all die Landschaften seiner Kindheit unterbringen sollte, denn dieser kleine Stadtteil, in dem er sich damals fast ausschließlich bewegte, konnte doch kaum genug Platz dafür geboten haben.

Dann war da noch ganz in der Nähe die Dänische Schule. Und hinter dem Sportplatz, auf dem Weg zur Bücherei musste er dort hindurch, gab es Baracken, in denen Leute wohnten, über die nicht gut gesprochen wurde.

 

Aber vorher war da dieses Reetdachhaus der Oma, war da das Haus der Großfamilie mit dem großen Stall und den vielen Gerätschaften. Eine kleine Welt, eingegrenzt durch einige Knicks und Gräben, in denen sie, so sagte es zumindest die Erinnerung, stundenlang spielten. Ackerschachtelhalm – sagte ihm dieser Name damals etwa schon etwas? Wohl kaum, doch faszinierte ihn, wie man diese Pflanze in viele kleine Teile zerlegen konnte.

Aus den hohlen Stängeln des Wiesenkerbels schnitten sie sich Pusterohre. Die grünen, harten Fliederbeeren benutzten sie als Munition. Nach vielen Jahren las er einmal in einem Lexikon, wie leicht man den Wiesenkerbel mit dem extrem giftigen gefleckten Schierling verwechseln konnte.

Gifte hatten die Kinder ganz woanders vermutet, in den Vogelbeeren beispielsweise – aber machte man aus denen nicht Marmelade?

Mit einem wohligen Schauer schlichen sie durch das dichte Unterholz und dachten immer lauter das Wort „Kreuzotter“, bis das wohlige Schauern in echte Angst überging und sie wieder den Sandweg benutzten.

 

Es gab später eine Zeit, in welcher er alte Volkslieder sang. Wieder und wieder und nicht nur im Badezimmer. Besonders, wenn er durch die Landschaft wanderte, weil er zum Beispiel beim Trampen nicht weiter kam. Volkslieder? Nein, so nun auch wieder nicht. Es waren von Elster Silberflug interpretierte Lieder. In dieser vom Spießigen, wie er glaubte, bereinigten Fassung sang er sie. Und da besonders dieses: „Laubblätter tanzen von den Bäumen hin zu Tal …“

Es sprach für ihn daraus eine Zeit, in der die Menschen noch weniger entfremdet gewesen, noch mehr mit dem was sie umgab verbunden gewesen waren. Natur, Jahreszeiten – und wahre Liebe. Natürlich war das Romantizismus.

Was heißt denn hier „Der Sommer der Kindheit“?! Damals, wo alles noch gut und schön war? Nein, Verklärung soll hier nicht betrieben werden. Es geht darum, warum wir diese Direktheit im Erleben verloren und ob das notwendig mit dem Erwachsenwerden zusammenhängt.

 

Ein Sylter Morgen

Sie krakeelen unbedingt, diese Austernfischer, die nicht Austern fischen, sondern es sich auf den flachen Dächern der Wohnblöcke gemütlich gemacht haben. Ernährten sie sich denn etwa inzwischen auch wie die Möwen vom Müll der Menschen? Was diskutieren die denn schon so früh? Vier Uhr wird es etwa sein. Doch nun schweigen sie und da ist die erste Amsel zu vernehmen.

Andere stimmen ein. Ein paar Kohlmeisen sind wohl auch darunter.

Lewe-Cosmos Petersen ist auch schon wieder wach. Doch er singt nicht. Eine stille Freude jedoch regt sich in ihm.

Vielleicht gibt es gar kein Ich im eigentlichen Sinne, überlegt er sich wieder einmal, sondern nur Aufmerksamkeit.

Und da bleibt er noch im Bett liegen und denkt an manchen Morgen der Kindheit, der ihn mit anderem Vogelgesang weckte.

 
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Verfasst von - 31/08/2013 in Diverses

 

Traum: Sie trafen ihn in der U-Bahn

Traum: Sie trafen ihn in der U-Bahn
Sie waren unterwegs in der U-2 Richtung Schlump. Und sie wussten noch nicht so recht, wo sie übernachten sollten. Da setzte sich plötzlich Jochen zu ihnen. Doch dieser Jochen wirkte ungewohnt melancholisch. In solch abgerissener Kleidung hatten sie ihn auch noch nie gesehen. Aber war es nicht überhaupt wenigstens zehn Jahre her, seitdem sie einander das letzte Mal begegnet waren? Da mussten sie schon aussteigen. Nun gingen sie doch zielstrebig auf eine Wohnung in einem üppig bewachsenen Hinterhof zu. War denn nicht grad noch Winter gewesen? Er schaute ihnen vorwurfsvoll nach: Sie mit ihrer gesicherten Existenz, er aber unterwegs Richtung Obdachlosenasyl! Dabei hatte doch Lewe-Cosmos immer bei ihm übernachtet, wenn er von Sylt nach Hamburg gefahren war! Lewe-Cosmos Petersen aber war ja nun schon lang wieder unterwegs, um Jochen zu suchen. Außerdem hatte er in der Verwirrung seine Umhängetasche mit wichtigen Notizen in der U-Bahn gelassen. Auch die musste er unbedingt suchen.
Da aber fiel ihm ein, dass Jochen doch schon lange tot war. Und kurz vor dem Aufwachen wusste er dann auch wieder, dass seine Tasche neben dem Bett lag.
Ja, wie war das nun gewesen? Wie Lewe-Cosmos es später noch bei manchen Trinkern bemerkte, kamen diese leicht in rührselige Stimmung. Jochen nun schwieg während ihrer Telefongespräche immer wieder lang, ergriffen von Selbstmitleid, Rührung oder wer weiß, was.
Und nach dem Aufwachen wusste Lewe-Cosmos dann auch gleich, was diesen Traum noch beeinflusst hatte. Vor dem Reformhaus in Westerland war er mit Friedhelm ins Gespräch geraten, dem er einige Jahre stets nur kurz zu gewunken hatte, wenn sie mit den Fahrrädern aneinander vorbei gefahren waren. Friedhelm hatte vor längerer Zeit einmal geglaubt, das perfekte System zu haben, um sich allein durch das Spielen in der Westerländer Spielbank ein gutes monatliches Auskommen zu sichern. „Und das klappt auch! Dann aber kommt immer wieder die menschliche Schwäche hinzu! Es gelingt mir einfach zu selten, rechtzeitig aufzuhören!“ So fuhr Friedhelm also wieder tagsüber Taxi und versuchte nachts in der Spielbank weiter sein Glück.
Ein besonders inniges Verhältnis verband die beiden nun wiederum nicht, doch ab und zu nahmen sie sich Zeit für ein längeres kurzes Gespräch. Und einige Jahre war Friedhelm der erste Sylter Fahrradbote. Offenbar durchaus mit Erfolg, wenn er sich dafür auch im wahrsten Sinne des Wortes reichlich abstrampeln musste.
Da hatten sie sich wieder einmal Zeit für ein Gespräch genommen. Zeit genommen? Nun ja. Sie blieben beide etwa zehn Minuten auf ihren Fahrrädern sitzen und sprachen so miteinander. Friedhelm schimpfte: „Mir ist erst einmal klar geworden, wie viel diese Gangster mir an Steuern abzwacken! Da spiele ich nicht mehr mit! Dafür arbeite ich nicht!“
Nun, das war aber auch schon wieder einige Jährchen her. Jetzt also hatte er Friedhelm getroffen und der blauen Satteltaschen an dessen Fahrrad wegen vermutet, dass dieser nun Zeitungen austrage. „Nein, das habe ich noch von früher. Die nutze ich jetzt nur zum Einkaufen. Ich lebe jetzt von Sozialhilfe und wohne im Sjipwai. Ich leiste nur, leider viel zu kurz, gemeinnützige Arbeit im BBZ. Da kann ich endlich richtig kreativ sein! Ansonsten bin ich jetzt dort gelandet. Ich habe mich ja um nichts mehr gekümmert. Am Anfang war das schwer. Die kamen nicht damit klar, dass ich keine Drogen nehme. Aber jetzt haben sie es verstanden.“
Wie hatten sich diese Bilder nun im Traum so vermischen können? „Gut siehst du aus!“, hatte Friedhelm zu Beginn des Gesprächs nicht ohne Neid ausgerufen und auch weiterhin immer wieder taxierende Blicke geschickt. „Ja, du hast es gut mit deiner Arbeit am Strand! Die untergräbt deine Kreativität nicht.“

Lebendige Skulptur
Einmal schrieb Lewe-Cosmos Petersen ein schwärmerisch pathetisches Gedicht über eine Skulptur, die er auf dem Ohlsdorfer Friedhof entdeckt und für einen Gedichtband mehrmals fotografiert hatte. Was war es denn, was ihn an dieser Skulptur, einer stehenden Frau, die in etwas verrenkter Haltung und mit versonnenem Gesichtsausdruck etwas an den Grabstein schrieb, so faszinierte, dass diese Skulptur sogar in seinen Träumen auftauchte? Auch trug er viele Jahre lang wenigstens eines dieser Fotos bei sich.
Wenn er dann in seinen Träumen diese Skulptur zum Leben erweckte, war dann auch Erotik im Spiel?
Das fällt schwer zu sagen, denn ihm selber erschien diese lebendige Skulptur ganz sein Herz und seine Seele anzusprechen. Sie schauten einander stumm an oder unterhielten sich über das, was ihn wirklich zuinnerst bewegte. Immerhin aber schwammen sie auch manches Mal lang und ausgiebig neben einander her in dem großen See, der im Traum regelmäßig aus dem Teich am Haus geworden war.

Jahre später stand er während eines längeren Gespräches neben einer Schaufensterpuppe. Und da widerfuhr ihm für einige Sekunden Ähnliches. Nun aber glaubte er verstanden zu haben, wie wir das „unechte Gegenüber“ mit unseren eigenen Sehnsüchten und Gefühlen „aufladen“ und so zwischenzeitlich das Gefühl haben können, da erwache wirklich etwas zum Leben.

„Du wohnst jetzt auch hier?!“
Da war also auch sie in die Nähe von Rodenäs gezogen. Überraschend hatten sie sich vor einem Knick getroffen, hinter welchem sich ein Feld befand, auf dem sich irgendeine rätselhafte rege Tätigkeit entfaltete.
Sie sprachen darüber, wie es sich hatte entwickeln können, dass sie nun unabhängig voneinander beide von Sylt nach Rodenäs gezogen waren.
„Immerhin planen die in diesem Kaff jetzt ein größeres Solarenergieprojekt!“
Während des Gesprächs wurde ihr mit einem Male klar, wie sehr sie ihn doch immer schon geliebt hatte. (Er wusste ja schon immer, dass er allein sie liebte.) Jedenfalls sah er, wie ihr Gesicht immer weichere Züge bekam und sich dem seinen sacht mehr und mehr näherte. Und dann küssten sie einander lang anhaltend ebenso sacht und schier unglaublich träumerisch zärtlich. Als sich da ihr Mund dann noch einmal leicht öffnete, während ihre Lippen auf den seinen ruhten, spürte er unvermittelt den scharfen Schmerz einer unbestimmten Eifersucht. Warum denn nur?! Was kümmerte es denn ihn, dass auch ihre Freundin, dazu noch mit ihrem Lebensgefährten, diesem Deppen Frank (der so sehr Depp wahrscheinlich auch nicht war), nach Rodenäs gezogen war?!
Da erfasste nun die Freude, dass sie endlich, endlich doch zueinander gefunden hatten, sein ganzes Sein – und dennoch meldete sich gleich die Eifersucht? Gehörte diese denn für ihn unausweichlich zum Gefolge der großen Liebe?
Nein, es wurde schnell beiseite geschoben mit einem nicht enden wollenden Kuss, dem er selbst nach dem Erwachen noch lange nachforschte.
„War ich denn nicht allzu lang wieder gleichgültig bis kalt gewesen?“, fragte er sich wieder einmal.
Ja, Lewe-Cosmos Petersen neigte dazu, zu vergöttern. Oh, da legte sie ihren Kopf auf seinen Bauch und so lagen sie lang im Gras und unterhielten sich ruhig miteinander, als sei diese Vertrautheit ganz selbstverständlich. Und ihre langen Haare umspielten seinen Körper, aber er fasste sie nicht an, um den Traum nicht zu zerstören.

Ein Dichter?
Wir scheuen uns ein wenig, hier Literaturkritiker zu spielen, zumal einer uns so nahe stehenden Person gegenüber. Doch werden wir immer wieder gefragt, was denn Lewe-Cosmos Petersen für Gedichte schrieb. Wie seien diese einzuschätzen? Wo wurden sie veröffentlicht?
Die letzte Frage können wir noch leicht beantworten. Mehrmals ließ Lewe-Cosmos Petersen ungeniert „Werke“ im Eigenverlag drucken. Er war also offenbar sehr davon überzeugt, dass sein Geschriebenes zur Veröffentlichung bestimmt sei. (Thorwald Prolls Lebensgefährtin: „Oh nein, schon wieder Bücher!“) Ansonsten druckte der chaotische und liebenswerte Packpapier Verlag aus Osnabrück, selber stets vom Gerichtsvollzieher bedroht, fünf Bücher des Lewe-Cosmos Petersen.

 
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Verfasst von - 31/08/2013 in Diverses

 
 
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