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Der Sommer der Kindheit

31 Aug

Noch eine Notiz, weil mir gerade danach ist (und ich manches jetzt endlich in die „finale“ Fassung bringen will):

Der Sommer der Kindheit

 

Die Wiese vor dem katholischen Kinderheim

Sie war ihm ein kleines Paradies, diese hügelige Wiese, mit ihrem hohen Gras und den unendlich vielen Klee- und Löwenzahnblüten.

Als Erwachsener grübelte er manchmal, wo er all die Landschaften seiner Kindheit unterbringen sollte, denn dieser kleine Stadtteil, in dem er sich damals fast ausschließlich bewegte, konnte doch kaum genug Platz dafür geboten haben.

Dann war da noch ganz in der Nähe die Dänische Schule. Und hinter dem Sportplatz, auf dem Weg zur Bücherei musste er dort hindurch, gab es Baracken, in denen Leute wohnten, über die nicht gut gesprochen wurde.

 

Aber vorher war da dieses Reetdachhaus der Oma, war da das Haus der Großfamilie mit dem großen Stall und den vielen Gerätschaften. Eine kleine Welt, eingegrenzt durch einige Knicks und Gräben, in denen sie, so sagte es zumindest die Erinnerung, stundenlang spielten. Ackerschachtelhalm – sagte ihm dieser Name damals etwa schon etwas? Wohl kaum, doch faszinierte ihn, wie man diese Pflanze in viele kleine Teile zerlegen konnte.

Aus den hohlen Stängeln des Wiesenkerbels schnitten sie sich Pusterohre. Die grünen, harten Fliederbeeren benutzten sie als Munition. Nach vielen Jahren las er einmal in einem Lexikon, wie leicht man den Wiesenkerbel mit dem extrem giftigen gefleckten Schierling verwechseln konnte.

Gifte hatten die Kinder ganz woanders vermutet, in den Vogelbeeren beispielsweise – aber machte man aus denen nicht Marmelade?

Mit einem wohligen Schauer schlichen sie durch das dichte Unterholz und dachten immer lauter das Wort „Kreuzotter“, bis das wohlige Schauern in echte Angst überging und sie wieder den Sandweg benutzten.

 

Es gab später eine Zeit, in welcher er alte Volkslieder sang. Wieder und wieder und nicht nur im Badezimmer. Besonders, wenn er durch die Landschaft wanderte, weil er zum Beispiel beim Trampen nicht weiter kam. Volkslieder? Nein, so nun auch wieder nicht. Es waren von Elster Silberflug interpretierte Lieder. In dieser vom Spießigen, wie er glaubte, bereinigten Fassung sang er sie. Und da besonders dieses: „Laubblätter tanzen von den Bäumen hin zu Tal …“

Es sprach für ihn daraus eine Zeit, in der die Menschen noch weniger entfremdet gewesen, noch mehr mit dem was sie umgab verbunden gewesen waren. Natur, Jahreszeiten – und wahre Liebe. Natürlich war das Romantizismus.

Was heißt denn hier „Der Sommer der Kindheit“?! Damals, wo alles noch gut und schön war? Nein, Verklärung soll hier nicht betrieben werden. Es geht darum, warum wir diese Direktheit im Erleben verloren und ob das notwendig mit dem Erwachsenwerden zusammenhängt.

 

Ein Sylter Morgen

Sie krakeelen unbedingt, diese Austernfischer, die nicht Austern fischen, sondern es sich auf den flachen Dächern der Wohnblöcke gemütlich gemacht haben. Ernährten sie sich denn etwa inzwischen auch wie die Möwen vom Müll der Menschen? Was diskutieren die denn schon so früh? Vier Uhr wird es etwa sein. Doch nun schweigen sie und da ist die erste Amsel zu vernehmen.

Andere stimmen ein. Ein paar Kohlmeisen sind wohl auch darunter.

Lewe-Cosmos Petersen ist auch schon wieder wach. Doch er singt nicht. Eine stille Freude jedoch regt sich in ihm.

Vielleicht gibt es gar kein Ich im eigentlichen Sinne, überlegt er sich wieder einmal, sondern nur Aufmerksamkeit.

Und da bleibt er noch im Bett liegen und denkt an manchen Morgen der Kindheit, der ihn mit anderem Vogelgesang weckte.

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Ein Kommentar

Verfasst von - 31/08/2013 in Diverses

 

Eine Antwort zu “Der Sommer der Kindheit

  1. Dag Travner

    31/08/2013 at 10:27

    Sehr schön! 🙂

     

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