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Traum: Sie trafen ihn in der U-Bahn

31 Aug

Traum: Sie trafen ihn in der U-Bahn
Sie waren unterwegs in der U-2 Richtung Schlump. Und sie wussten noch nicht so recht, wo sie übernachten sollten. Da setzte sich plötzlich Jochen zu ihnen. Doch dieser Jochen wirkte ungewohnt melancholisch. In solch abgerissener Kleidung hatten sie ihn auch noch nie gesehen. Aber war es nicht überhaupt wenigstens zehn Jahre her, seitdem sie einander das letzte Mal begegnet waren? Da mussten sie schon aussteigen. Nun gingen sie doch zielstrebig auf eine Wohnung in einem üppig bewachsenen Hinterhof zu. War denn nicht grad noch Winter gewesen? Er schaute ihnen vorwurfsvoll nach: Sie mit ihrer gesicherten Existenz, er aber unterwegs Richtung Obdachlosenasyl! Dabei hatte doch Lewe-Cosmos immer bei ihm übernachtet, wenn er von Sylt nach Hamburg gefahren war! Lewe-Cosmos Petersen aber war ja nun schon lang wieder unterwegs, um Jochen zu suchen. Außerdem hatte er in der Verwirrung seine Umhängetasche mit wichtigen Notizen in der U-Bahn gelassen. Auch die musste er unbedingt suchen.
Da aber fiel ihm ein, dass Jochen doch schon lange tot war. Und kurz vor dem Aufwachen wusste er dann auch wieder, dass seine Tasche neben dem Bett lag.
Ja, wie war das nun gewesen? Wie Lewe-Cosmos es später noch bei manchen Trinkern bemerkte, kamen diese leicht in rührselige Stimmung. Jochen nun schwieg während ihrer Telefongespräche immer wieder lang, ergriffen von Selbstmitleid, Rührung oder wer weiß, was.
Und nach dem Aufwachen wusste Lewe-Cosmos dann auch gleich, was diesen Traum noch beeinflusst hatte. Vor dem Reformhaus in Westerland war er mit Friedhelm ins Gespräch geraten, dem er einige Jahre stets nur kurz zu gewunken hatte, wenn sie mit den Fahrrädern aneinander vorbei gefahren waren. Friedhelm hatte vor längerer Zeit einmal geglaubt, das perfekte System zu haben, um sich allein durch das Spielen in der Westerländer Spielbank ein gutes monatliches Auskommen zu sichern. „Und das klappt auch! Dann aber kommt immer wieder die menschliche Schwäche hinzu! Es gelingt mir einfach zu selten, rechtzeitig aufzuhören!“ So fuhr Friedhelm also wieder tagsüber Taxi und versuchte nachts in der Spielbank weiter sein Glück.
Ein besonders inniges Verhältnis verband die beiden nun wiederum nicht, doch ab und zu nahmen sie sich Zeit für ein längeres kurzes Gespräch. Und einige Jahre war Friedhelm der erste Sylter Fahrradbote. Offenbar durchaus mit Erfolg, wenn er sich dafür auch im wahrsten Sinne des Wortes reichlich abstrampeln musste.
Da hatten sie sich wieder einmal Zeit für ein Gespräch genommen. Zeit genommen? Nun ja. Sie blieben beide etwa zehn Minuten auf ihren Fahrrädern sitzen und sprachen so miteinander. Friedhelm schimpfte: „Mir ist erst einmal klar geworden, wie viel diese Gangster mir an Steuern abzwacken! Da spiele ich nicht mehr mit! Dafür arbeite ich nicht!“
Nun, das war aber auch schon wieder einige Jährchen her. Jetzt also hatte er Friedhelm getroffen und der blauen Satteltaschen an dessen Fahrrad wegen vermutet, dass dieser nun Zeitungen austrage. „Nein, das habe ich noch von früher. Die nutze ich jetzt nur zum Einkaufen. Ich lebe jetzt von Sozialhilfe und wohne im Sjipwai. Ich leiste nur, leider viel zu kurz, gemeinnützige Arbeit im BBZ. Da kann ich endlich richtig kreativ sein! Ansonsten bin ich jetzt dort gelandet. Ich habe mich ja um nichts mehr gekümmert. Am Anfang war das schwer. Die kamen nicht damit klar, dass ich keine Drogen nehme. Aber jetzt haben sie es verstanden.“
Wie hatten sich diese Bilder nun im Traum so vermischen können? „Gut siehst du aus!“, hatte Friedhelm zu Beginn des Gesprächs nicht ohne Neid ausgerufen und auch weiterhin immer wieder taxierende Blicke geschickt. „Ja, du hast es gut mit deiner Arbeit am Strand! Die untergräbt deine Kreativität nicht.“

Lebendige Skulptur
Einmal schrieb Lewe-Cosmos Petersen ein schwärmerisch pathetisches Gedicht über eine Skulptur, die er auf dem Ohlsdorfer Friedhof entdeckt und für einen Gedichtband mehrmals fotografiert hatte. Was war es denn, was ihn an dieser Skulptur, einer stehenden Frau, die in etwas verrenkter Haltung und mit versonnenem Gesichtsausdruck etwas an den Grabstein schrieb, so faszinierte, dass diese Skulptur sogar in seinen Träumen auftauchte? Auch trug er viele Jahre lang wenigstens eines dieser Fotos bei sich.
Wenn er dann in seinen Träumen diese Skulptur zum Leben erweckte, war dann auch Erotik im Spiel?
Das fällt schwer zu sagen, denn ihm selber erschien diese lebendige Skulptur ganz sein Herz und seine Seele anzusprechen. Sie schauten einander stumm an oder unterhielten sich über das, was ihn wirklich zuinnerst bewegte. Immerhin aber schwammen sie auch manches Mal lang und ausgiebig neben einander her in dem großen See, der im Traum regelmäßig aus dem Teich am Haus geworden war.

Jahre später stand er während eines längeren Gespräches neben einer Schaufensterpuppe. Und da widerfuhr ihm für einige Sekunden Ähnliches. Nun aber glaubte er verstanden zu haben, wie wir das „unechte Gegenüber“ mit unseren eigenen Sehnsüchten und Gefühlen „aufladen“ und so zwischenzeitlich das Gefühl haben können, da erwache wirklich etwas zum Leben.

„Du wohnst jetzt auch hier?!“
Da war also auch sie in die Nähe von Rodenäs gezogen. Überraschend hatten sie sich vor einem Knick getroffen, hinter welchem sich ein Feld befand, auf dem sich irgendeine rätselhafte rege Tätigkeit entfaltete.
Sie sprachen darüber, wie es sich hatte entwickeln können, dass sie nun unabhängig voneinander beide von Sylt nach Rodenäs gezogen waren.
„Immerhin planen die in diesem Kaff jetzt ein größeres Solarenergieprojekt!“
Während des Gesprächs wurde ihr mit einem Male klar, wie sehr sie ihn doch immer schon geliebt hatte. (Er wusste ja schon immer, dass er allein sie liebte.) Jedenfalls sah er, wie ihr Gesicht immer weichere Züge bekam und sich dem seinen sacht mehr und mehr näherte. Und dann küssten sie einander lang anhaltend ebenso sacht und schier unglaublich träumerisch zärtlich. Als sich da ihr Mund dann noch einmal leicht öffnete, während ihre Lippen auf den seinen ruhten, spürte er unvermittelt den scharfen Schmerz einer unbestimmten Eifersucht. Warum denn nur?! Was kümmerte es denn ihn, dass auch ihre Freundin, dazu noch mit ihrem Lebensgefährten, diesem Deppen Frank (der so sehr Depp wahrscheinlich auch nicht war), nach Rodenäs gezogen war?!
Da erfasste nun die Freude, dass sie endlich, endlich doch zueinander gefunden hatten, sein ganzes Sein – und dennoch meldete sich gleich die Eifersucht? Gehörte diese denn für ihn unausweichlich zum Gefolge der großen Liebe?
Nein, es wurde schnell beiseite geschoben mit einem nicht enden wollenden Kuss, dem er selbst nach dem Erwachen noch lange nachforschte.
„War ich denn nicht allzu lang wieder gleichgültig bis kalt gewesen?“, fragte er sich wieder einmal.
Ja, Lewe-Cosmos Petersen neigte dazu, zu vergöttern. Oh, da legte sie ihren Kopf auf seinen Bauch und so lagen sie lang im Gras und unterhielten sich ruhig miteinander, als sei diese Vertrautheit ganz selbstverständlich. Und ihre langen Haare umspielten seinen Körper, aber er fasste sie nicht an, um den Traum nicht zu zerstören.

Ein Dichter?
Wir scheuen uns ein wenig, hier Literaturkritiker zu spielen, zumal einer uns so nahe stehenden Person gegenüber. Doch werden wir immer wieder gefragt, was denn Lewe-Cosmos Petersen für Gedichte schrieb. Wie seien diese einzuschätzen? Wo wurden sie veröffentlicht?
Die letzte Frage können wir noch leicht beantworten. Mehrmals ließ Lewe-Cosmos Petersen ungeniert „Werke“ im Eigenverlag drucken. Er war also offenbar sehr davon überzeugt, dass sein Geschriebenes zur Veröffentlichung bestimmt sei. (Thorwald Prolls Lebensgefährtin: „Oh nein, schon wieder Bücher!“) Ansonsten druckte der chaotische und liebenswerte Packpapier Verlag aus Osnabrück, selber stets vom Gerichtsvollzieher bedroht, fünf Bücher des Lewe-Cosmos Petersen.

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Verfasst von - 31/08/2013 in Diverses

 

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