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Es ist wieder einmal Herbst

01 Sep

Nee, isses nich, es ist der 1. September mit einem Hauch von Herbststimmung. Deshalb.

Es ist wieder einmal Herbst. Lewe-Cosmos sitzt auf einer Bank vor der Alten Dorfkirche in Westerland. Er liest in einem seltsam ausführlichen Buch über den Esoteriker Thorwald Dethlefsen. Und während er liest, fallen um ihn herum einzelne Laubblätter von den Bäumen. Je und je lässt eine leichte Brise die Blätter seines Buches und die Blätter auf dem Gehweg rascheln. Die Pforte im Wall, welche zum Friedhof führt, klappert oder quietscht ab und zu, doch Lewe-Cosmos schaut selten in diese Richtung. Wenn er aufschaut, dann in den blauen Himmel, dem wenige, fantastisch geformte, Wolken eine außergewöhnliche Weite, Tiefe und Vielschichtigkeit geben. Grad lärmt ein Auto auf dem Kopfsteinpflaster, dann ist wieder Stille. Nun fegt eine Böe gleich mehrere hundert Blätter gleichzeitig von den Bäumen. Ein paar Nachzügler treffen mit klatschenden Geräuschen auf den Steinen des Gehweges auf.

Jetzt.

Wann hatte er sich das letzte Mal die Zeit genommen, das Jetzt so intensiv zu spüren? Und dabei glaubte er doch während der Lektüre, einer Sache auf die Spur gekommen zu sein, nämlich der Frage, was bestimmte Menschen bei einem Guru suchen, wie sie ihn mit ihren Sehnsüchten erst groß machen und dann vielleicht einmal erschrecken, vor dem, den sie da mithalfen, dem möglicherweise Eigentlichen des Menschen sich so sehr zu entfremden.

Diesen Gedanken aber wollte er nun nicht weiter verfolgen, sondern das Jetzt befragen über sein eigenes Vergangenes, sein eigenes Bewusstsein, sein Leben. „Wir könnten frei sein!“, weiß er wieder einmal, „allein mit einem wahrhaft wachen Blick!“

Und natürlich merkt er später auch, dass es so wiederum eben nur für bestimmte Momente stimmt.

 

Das Ich

(oder: Ist das Private wirklich politisch?)

Morrissey, dem ohnehin beachtliche Selbstverliebtheit nachgesagt wird, singt etwa: „Niemand kann wissen, wie ich fühle, denn der einzige, der hier ich ist, das bin ich“. Lewe-Cosmos konnte das nachempfinden, überwältigte ihn in der Zeit seiner schweren Lebenskrise doch manches Mal dieses Bewusstsein der Isolation seines Ichs nahezu. „Nur ich allein bin Ich. Und wenn ich erlösche, erlischt mit mir die ganze Welt.“ Das Ich war ihm da beinahe eine Last. Doch bald schon ging es bei ihm einen anderen Weg, sah er vor allem Koketterie in dieser Zeile, denn: Alles geschieht einem Ich! Folter geschieht einem Ich. Willkürliche Verhaftung geschieht einem Ich. „Wenn doch jeder Mensch Ich ist, dann geschieht ja auch einem anderen Ich zum Beispiel Folter?!!“ Gerade das, was Menschen Übles geschieht, quälte ihn manche Stunde in mancher Nacht. Eine düstere Phase? Das Leben verdrängt vieles. Außerdem nützt solch ein bloßes Mitfühlen vermutlich niemandem, sagte er sich später oft. Aber: „Niemand kann wissen, wie ich fühle?!“ Wir wissen oft sehr genau, was jemand empfindet, wenn wir Augen und Sinne öffnen, glaubte er später. Aber selten wollen wir uns dem stellen.

Die schwedische hoola bandoola band, deren Texte ihm häufig aus der Seele sprachen, sangen gegen das Bemühen, individuell zu sein an, als zähle allein die Klassenzugehörigkeit. Das lehnte Petersen ab. Und ganz furchtbar empörte sich darüber sein inzwischen sich anarchistisch nennender Freund Didrik.

Andererseits lernte Lewe-Cosmos auch einige Menschen kennen, deren Denken und Fühlen jahrelang allein um das eigene Ich kreiste. Im Bestreben, endlich zu sich selbst zu kommen, verspürten sie allerdings oft doch nur Leere. Da hatten der Ich-Kult und die Ich-Sucht das Ich offenbar aufgefressen.

Es stürzte ein Trupp Polizisten einer Demonstrantengruppe in Südkorea hinterher. Der Gegner. Die Anderen. Auch für Lewe-Cosmos Petersen, welcher sich diese Szene im TV besah. Plötzlich aber stand einer der Polizisten in Flammen. Ein Erschrecken ging durch dessen Körper. Und plötzlich war er Ich, nicht mehr Gruppenmensch.

Und dann war da noch Barschel. Barschel?!, was hat denn der hier zu suchen?! Ja, selbst Barschel wurde plötzlich zum Ich als da die Kamera erbarmungslos auf ihn gerichtet blieb und der sich erst diesem, dann jenem Parteimitglied zuwandte, aber alle sich von ihm fortdrehten, um nicht in jenen Sog zu geraten. Welche Verlorenheit in dem Blick des Uwe Barschel!

Und nun kommen wir Ihnen, verehrte Leserschaft, noch mit einer Heuschrecke, denn eine Heuschrecke macht noch keine Plage.

Da beobachtete Lewe-Cosmos Petersen in seiner Verkaufsbude am Sylter Strand eine ganze Weile lang, wie eine Heuschrecke sich mühte, die Fensterscheibe emporzuklettern. Nachsaison. Stürmischer Wind. Wenig zu tun. Und da beschäftigte er sich intensiv und mitfühlend mit den Bemühungen dieses Insektes. Mühselig wirkt dieses Bemühen und geht sehr langsam vor sich. Mal wirkt die Heuschrecke mit ihren langen Fühlern wie ein urtümliches Wesen, dann wieder wie ein Mensch, der eine Steilwand bezwingen will und vorsichtig nach Mauervorsprüngen tastet, um sicheren Halt zu finden. Nun ist das Insekt am Fensterrahmen angelangt, streckt „die Arme“ vor, schreckt offensichtlich zurück und zieht sich ängstlich in einer Ecke zusammen. „Was will die überhaupt hier?!“, wundert sich Lewe-Cosmos, geht nach draußen, fasst die Heuschrecke vorsichtig mit einem Blatt Papier und setzt sie ins Gras.

Wie kann Petersen überhaupt so viele Gedanken an ein Insekt verschwenden?! „Alles Leben ist eins“, empfand Lewe-Cosmos in jenem Moment sehr deutlich. Auch konnte er beim Beobachten nicht leugnen, dass da ein Bewusstsein die Bewegungen dieses Insektes steuerte. Dessen ängstlich forschende Bewegungen sagten ihm: „So groß ist der Unterschied zwischen denen und uns auch wieder nicht!“

Li-Chin hatte Petersen einmal einen lyrischen Text nennen wollen, in dem es um scheinbar so weit auseinander liegende Dinge wie der Sehnsucht nach vertrauter Zärtlichkeit und dem Terror der chinesischen Machthaber gegen die Opposition ging. Die wachen Lippen und die wachen Hände. Zu wach für das Alleinsein. Und dann zwei Menschen, die sich plötzlich verwundert umschauen, ob sie einander wirklich so nahe sind, wie sie noch vor einer Stunde glaubten. Und ohne Pause fügte Lewe-Cosmos Petersen hier eine Betrachtung über die Genickschüsse in China, den kontrollierten „sozialistischen“ Übergang zum Kapitalismus ein. „Wenn wir unser eigenes Leben so wichtig nehmen, wie können wir dann gegenüber dem massenhaften Morden gleichgültig bleiben!“ Pathetischer Schluss (wobei er solchem Pathos selbst damals schon misstraute): „Brennen, wir müssen brennen!“ Aber es blieb ihm diese Sehsucht, welche in einem anderen Lied der schwedischen hoola bandoola band zum Ausdruck kam: „… og vi som törsta efter kärlek når andra hungra efta bröd …“ „Und wir, die wir nach Liebe dursten, während andere nach Brot hungern, wir müssen uns selber frei kämpfen, um ihnen zu helfen.“ „Hur länge skal vi vänta innan vi får framtiden til var?“ Wie lange sollen wir warten, bis die Zukunft wahr wird? Und dann war die Zukunft schon Vergangenheit geworden und vieles hatte man vergessen und das meiste mochte man schon ohnehin nicht mehr glauben. Aber da war doch ein Rest geblieben. Eine radikale Frage, ein tiefer Zweifel an dem Ansichseienden, das sich so penetrant wie das einzig Mögliche gebärdet.

 

Und im Irak, in Afghanistan, wo auch immer, zeigt sich, dass Militär wie so genannter „Widerstand“ gleichermaßen das Leben eines Menschen für nichts erachten.

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Verfasst von - 01/09/2013 in Diverses

 

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